| www.Schwerteln.de : Artikel.Beinarbeit | Letzte Änderung: January 10, 2008, at 09:04 AM |
Auszug aus "Mittelalterliche Kampfesweisen - Band 3"
Im folgenden habe ich als Basis für weitere Überlegungen einen kleinen Auszug aus meinem (inzwischen fertigen) Artikel für den dritten Band von Andrè Schulzes "Mittelalterliche Kampfesweisen" in unsere Wiki gestellt. Lasst Euch nicht vom Untertitel "Scheibendolch und Stechschild" irritieren - wie auch schon im zweiten Band werden die Themen recht bunt gemischt sein. Im folgenden geht's jedenfalls um das lange Schwert. Über Anregungen und Kritik freue ich mich natürlich jederzeit.
Viel Spaß damit, Euer Elmar.
Stehen und Gehen
Vergleicht man verschiedene moderne Interpretationen historischen Fechtens, so stellt man bei Körperhaltung und Beinarbeit mit die größten Diskrepanzen fest. Dies ist nun wiederum kein Wunder, da diese Aspekte der Schwertkunst in kaum einer frühen historischen Quelle überhaupt für erwähnenswert gehalten werden. In vorliegenden Artikel stellen wir ein sehr einfaches System für Stand und Beinarbeit vor, welches für den Anfänger ausreichend und später ausbaufähig ist.
Grundstellung
In der Grundstellung zeigt der vordere Fuß und das Knie zum Gegner, der andere Fuß ist schräg im Winkel von 30° bis 45° gegen die Linie ausgedreht. Das Gewicht ruht zum Großteil auf dem vorderen Fuß und beide Füße haben auf der ganzen Sohle Kontakt zum Boden. Das vordere Knie ist so gebeugt, dass es genau über der Fußspitze steht. Das hintere Knie ist leicht gebeugt. Der Rumpf ist leicht zur Seite gewendet, die Rumpfstellung entspricht damit in etwa der eines modernen Boxers. Rücken und Nacken sind jedoch aufrecht und die Brust ist geöffnet, das Brustbein wird nach vorne gereckt. Der Kopf ruht über Schwerpunkt nahe dem vorderen Bein. Die Schultern sind entspannt. (Eine gute Eselsbrücke hierzu ist, dass Ohren und Schultern "voneinander weg" wollen.) Die Grundstellung kann natürlich rechts wie links vorne ausgeführt werden.

Übungen
Die folgenden meditativen Übungen sollen zur Grundstellung ausgeführt werden:
- Man verlagere in der Grundstellung langsam das Gewicht zurück, bis man in einen stabilen Stand auf dem hinteren Fuß gelangt und wieder nach vorne. (Ist dies nicht möglich, hat man seinen Stand möglicherweise zu weit gewählt.)
- Man stelle sich einen Gegner vor, der einen wegdrücken will. In welchen Winkeln ist die Stellung stabil? (Die Übung kann natürlich auch mit einem realen Gegenüber ausgeführt werden, jedoch immer in Ruhe und nicht als Kraftprobe.)
- Man suche den Ruhepol der Stellung. Man erforsche die Stellung so lange, bis man den Weg gefunden hat, ohne großen Kraftaufwand stehen zu können.
Eine Hilfe, entspannter zu stehen, kann die folgende sein: Man begebe sich in die Stellung und spanne zunehmend alle Muskeln an. (Man achte aber darauf, nach wie vor normal zu atmen!) Nach etwa zehn Sekunden unter voller Anspannung entspanne man schlagartig alle Muskeln und atme dabei aus. Dabei lässt man sich mit der Hüfte in die Stellung "hineinsinken".
Vorwärtsstellung
Aus der Grundstellung gelangt man in die Vorwärtsstellung, indem man den Rumpf frontal dreht und dabei zulässt, dass sich das hintere Bein und der hintere Fuß auf der Ferse mit nach vorne drehen und schließlich nur noch einen Winkel von 15° bis 30° zur Linie haben. Das Gewicht verlagert sich dabei nun fast vollständig auf den vorderen Fuß.
Die Vorwärtsstellung übt mehr Druck nach vorne aus, weil in ihr der Körper bereits vorgespannt ist. Diese Stellung durchläuft man auf natürlich Art und Weise, wenn man aus der Grundstellung einen Schritt nach vorne ausführt, deshalb erwähnen wir sie explizit.

Übungen
Man führe nun die obigen Übungen auch mit der Vorwärtsstellung aus, und zusätzlich die folgenden:
- Man wechsle langsam zwischen Grund- und Vorwärtsstellung, verharre jeweils kurz und versuche das unterschiedliche Gefühl (den offensiveren Charakter der Vorwärtsstellung), zu finden. Dabei beachte man, dass der Rumpf aktiv gedreht wird und dabei das Bein passiv mitgeht.
- Schließlich wechsle man zwischen beiden Stellungen jeweils mit Gewicht vorne und hinten hin und her und versuche immer, den Ruhepol sicher zu finden. Mit jedem Durchgang versuche man, etwas tiefer zu stehen.
Ein limitierender Faktor beim tiefen Stand ist bei vielen Leuten der Winkel zwischen Fuß und Unterschenkel. Mit fortschreitender Übung wird man aber feststellen, dass sich auch hier eine größere Beweglichkeit einstellt.
Anmerkung: Beide Stellungen stellen noch keine Huten dar, stattdessen können sie später mit diesen kombiniert werden.
Beinarbeit
Es gibt eine große Anzahl an Schrittarten, die gut zur historischen Schwertkunst passen - wirklich verbürgt dürften indes nur wenige sein. Auf Grund der zentralen Bedeutung der Beinarbeit in jedem Kampfsport dürfen wir jedoch annehmen, dass komplexe Systeme für die Beinarbeit existiert haben. Wir stellen hier einige Schritte vor, die von Anfängern gut erlernt werden können und mit denen sich in ihrer Gesamtheit bereits gut arbeiten lässt. Die verwendeten Bezeichnungen sind ausdrücklich nicht historisch, sondern lediglich ein Vorschlag für die Nomenklatur im Training.
Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass eine gute Beinarbeit im wahrsten Sinne das Fundament für gutes Schwertfechten darstellt. Wer noch über seine Beine nachdenken muss, kann sich nicht auf das Fechten konzentrieren. Egal, welche Art von Beinarbeit man bevorzugt, es ist wichtig, sie soweit zu trainieren, dass sie uns jederzeit völlig natürlich in die Position und Ausrichtung bringt, die wir suchen. Das Credo "Beinarbeit soll natürlich sein" ist so gesehen völlig richtig - bedeutet aber nicht, dass sich ein Schwertkämpfer wie ein Spaziergänger bewegen sollte.
Wichtig ist auch, von Anfang an darauf zu achten, dass die Beinarbeit im Raum und nicht auf einer Linie erfolgt. Ein echtes Zurückweichen nach hinten sollte im Normalfall tabu sein, da es uns die Gelegenheit zu einem Gegenangriff nimmt und dem Gegner zudem ermöglicht, uns weiter zu bedrängen. Insofern sollte man beim Trainieren der Beinarbeit mehr Gewicht auf die Bewegung nach vorne und zur Seite legen. Schritte nach hinten sollten so geübt werden, dass das ihnen inne liegende offensive Potential erhalten bleibt: Eine Bewegung zurück sollte immer etwas vom "Aufziehen einer Feder" haben. Man sollte sich gar nicht erst angewöhnen, im Training sozusagen aus Symmetrie¬gründen bahnenweise rückwärts zu laufen.
Bogenschritt
Der Bogenschritt ist eine Variante dessen, was uns mehr oder weniger aus dem modernen Kampfsport bekannt ist: Der Schritt wird eingeleitet, indem die Hüfte frontal gedreht und die Körperspannung so erhöht wird. Das hintere Bein wird nun nicht direkt nach vorne gezogen, sondern führt einen leichten Bogen nach innen aus. Diese Art von Schritt ermöglicht einen effektiveren Hüfteinsatz bei der Schwertführung und beinhaltet während der Ausführung auch mehr Optionen, sollte man inmitten des Schritts zu einer Veränderung der Richtung gezwungen werden. Nach dem Aufsetzen des vorderen Beins wird das Gewicht auf dieses verlagert und der hintere Fuß auf der Ferse ausgedreht.

Beim Bogenschritt nach hinten wird der bewegte Fuß hinten bereits ausgedreht aufgesetzt. Um wieder in die Grundposition zu gelangen, dreht man den vorderen Fuß nach dem Schritt auf der Ferse ein. Wie gesagt sollte man aber bevorzugt Schrittfolgen üben, bei denen nach dem Aufsetzen des hinteren Fußes sofort wieder eine Bewegung nach vorne erfolgt oder aber die Linie verlassen wird. (Beides entspricht dem "Loslassen der Feder", s.o.)
Drehschritt
Beim Drehschritt erfolgt der Bogen des zuerst versetzten Fußes genau in der anderen Richtung. Dabei dreht der Rumpf bereits in die neue Richtung mit. Der vordere Fuß gibt nun die neue Richtung zum Gegner vor (siehe Diagramm). Das Gewicht wird auf das vordere Bein verlagert, wobei unbedingt darauf zu achten ist, dass das Knie bereits in die neue Richtung zeigt. Anschließend wird die Drehung des Rumpfs vollendet und das hintere Bein mit einer bogenförmigen Bewegung in seine neue Position gebracht. Der hintere Fuß wird bzgl. der neuen Ausrichtung bereits ausgedreht aufgesetzt.

Der Drehschnitt eignet sich besonders gut, die Angriffslinie des Gegners zu verlassen und sich dabei bereits neu auf diesen auszurichten. Der Drehschritt wird manchmal auch gesprungen ausgeführt, Anfänger sollten davon jedoch absehen, zu hoch ist die Gefahr, auf ein nicht korrekt ausgerichtetes Knie zu springen und sich so Schaden zuzufügen.
Stepschritt
Dreh- und Bogenschritt gemeinsam ist, dass sich dabei jeweils die Auslage des Kämpfers verändert - der vordere Fuß wird zum hinteren und umgekehrt. Der Stepschritt ist nun ein kurzer "Schritt", bei dem die Auslage nicht wechselt. Der Stepschritt kann in verschiedene Richtungen erfolgen (siehe Diagramm). Es wird jedoch immer zuerst das Bein bewegt, welches sich in Richtung der Bewegung befindet. Der Stand wird also immer erst breiter, dann wieder normal. (Setzt man das andere Bein zuerst um, sprechen wir von einem Anstellschritt.)

Übungen
Folgende Übungen sollen hierzu ausgeführt werden: (Bei allen Schrittübungen achte man darauf, dass man sich nach Ausführung einer Bewegung auch wirklich wieder in der definierten Stellung befindet. Ein häufiger Fehler ist es, dass die Stellung nach einem Schritt zu schmal wird.)
- Man begebe sich in die Grundstellung, wechsle langsam in die Vorwärtsstellung und führe diese Bewegung flüssig in einem Bogenschritt in die Grundstellung mit entgegengesetzter Auslage weiter. Man beachte, wie die Hüfte zu Beginn für den Schritt vorgespannt wird.
- Man führe den Drehschritt aus der Grundstellung in die Grundstellung aus.
- Man führe den Bogenschritt aus der Vorwärtsstellung in die Vorwärtsstellung aus.
- Man übe den Stepschritt jeweils aus der Grund- und Vorwärtsstellung.
- Man führe einen Bogenschritt rückwärts ohne anschließendes Eindrehen des vorderen Fußes aus, und bewege sich direkt aus dieser Stellung mit einem Stepschritt aus der Linie.
- Eine schöne Übung zu mehreren ist es, einen Übenden die Rolle des "Vortänzers" übernehmen zu lassen, d.h. einer führt langsam eine freie Folge von Schritten und Positionswechseln aus. Die anderen folgen jeder seiner Bewegungen. Man sollte sich hierbei gleich angewöhnen, das ganze Gegenüber wahrzunehmen statt die Füße zu fixieren.
- In einer Verfeinerung dieser Übung wählt der "Vortänzer" seine Schritte von unterschiedlicher Größe, die Aufgabe der anderen ist es, die Distanz beizubehalten.
Das Ducken
Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass wir vorübergehend eine tiefere Stellung einnehmen wollen. Wir können beispielsweise den Kopf schützen, indem wir uns unter unser Schwert ducken. Für andere Techniken müssen wir einfach mit den Händen recht weit nach unten kommen, etwa um einen tiefen Stich abzuwehren. Dabei ist zu beachten, dass wir dazu niemals Rumpf oder Kopf einrollen, sondern mit aufrechtem Rumpf aus den Beinen tiefer gehen. Diese Art, sich zu ducken, scheint zu Anfang unnötig mühevoll, erlaubt einem aber, die Brust geöffnet zu lassen, was für das kunstgerechte Ausführen von Techniken wichtig ist. Außerdem bringen wir einen eingerollten Kopf ja nur noch weiter in die Reichweite des Gegenübers und bewegen zudem unseren Schwerpunkt aus unserer Mitte, so dass wir angreifbarer werden.
Übung
- Man übe für alle Positionen den tiefen Stand. Dies kann dynamisch durch fortwährendes Wechseln der Höhe geschehen oder statisch, indem wir uns in einen tiefen Stand sinken lassen und dort ruhig verweilen.
Eine Hilfe, einen guten tiefen Stand einzunehmen, kann es sein, sich die eigene Hüfte sehr schwer vorzustellen und den eigenen Kopf mit einer Schnur aufgehängt. Man lässt nun die gedachte Schnur langsam nach, so dass man durch das Gewicht der Hüfte in die tiefe Position sinkt. Die Knie wandern dabei durch ihre Beugung in die Richtung, in die die Zehen zeigen. Das vordere Knie bewegt sich jedoch nicht über die Zehenspitzen hinaus.
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